Gebuchte Klasse: Seitensprung

Als jemand, dessen früheste Erinnerungen die Radio-Sondersendungen am Tag Eins nach dem Tod des Kings sind, als jemand, der in Achtzigern Creedence Clearwater Revival, Jimi Hendrix und die Rolling Stones gehört hat, als jemand, der in den Neunzigern die Beatles, Dylan und die Velvet Underground gehört hat, als jemand, der in den Nullern die Achtziger entdeckt hat, Post-Punk und polnischen Jazz, als jemand, der in den letzten Jahren blonderedhead23sich wieder verstärkt den Byrds, Soft Rock, Schallplatten von MPS und vergessenen Gitarristen wie Sandy Bull zugewandt hat, also als jemand, der das Vergangene schätzt und Neues eher dort sucht als in der Gegenwart, für den es ist mit der Zukunft so eine Sache.

(Davon abgesehen klingt einiges zwischen 1979 und 1981 Aufgenommenes noch immer so, als könnte es auch übermorgen erscheinen. Vorausschauend. Das erste und einzige Album von Essential Logic, der Band um die Saxophonistin Lora Logic, beispielsweise, frühe Singles von Cabaret Voltaire, „We live as we dream, alone“ der Gang of Four).

Doch ab und an packt auch mich die Zukunft. Der Track und das zugehörige Album „23“ der New Yorker Band Blond Redhead klangen und klingen für mich immer noch, hm, futuristisch, frisch, frei, formidabel. Begeistert spielte ich den Song meinem Kollegen Norbert vor, dem die CD (hier unbedingt der Vinylausgabe vorzuziehen) gut gefiel, der aber nichts Futuristisches hören konnte. Kollegin Kerstin gefiel besonders das Cover mit dem Hochprägedruck der vierbeinigen Tennisspielerin. Sehr elegant. Die Musik überzeugte sie allerdings nicht. Nun ja.

 

jonihissingfoc01

(Oben das aufgeklappte Innencover der 1975er-Joni-Mitchell-LP "The hissing of summer lawns")

Wenn man bei Google die Schlagwörter „Christian Wulff“, „Ibiza“ und „Flugzeug“ eingibt, landet man folgenden obersten Treffer:

Großbrand auf Ibiza. Imker soll Feuer ausgelöst haben.

Gibt man dieselben Schlagwörter bei amazon ein, landet man keinen Produkttreffer. Bei wikipedia existiert dazu noch kein Artikel, allerdings taucht als Suchergebnis das Jahr und der Link zu 1959 auf.

1959: Nicht nur unser zehnter Bundespräsident wurde in diesem Jahr geboren, nein, auch die Künstlergruppe GRUPO IBIZA 59 gründete sich. Und das Flugzeug? Hier wird es tragisch, denn nicht nur die Musik starb am 03. Februar, auch Buddy Holly stürzte in einer Beechcraft Bonanza tödlich ab.

2012: Es gibt auch gute Nachrichten. Der Dorschbestand in der Nordsee hat sich erholt.

Wie schon die Jahre zuvor, hat die Kölner Combo Erdmöbel auch in dieser Vorweihnachtszeit einen Weihnachtssong veröffentlicht. In diesem Jahr trägt das Lied den vielversprechenden Titel "Lametta" und wird im Duett mit der bezaubernden Maren Eggert (bekannt als Polizeipsychologin Frieda Jung aus dem Kieler Tatort) dargeboten.

 

Zur weiteren Vorweihnachtsstimulanz warten wir mit noch drei weiteren Weihnachts-Single-Klassikern auf.  Das unvermeidbare "Last Christmas" von Wham darf an dieser Stelle nicht fehlen. Hier gibt es eine Coverversion der ebenfalls aus Köln stammenden Band Wolke:

 

Die Gefühlsduselei runden wiederum Erdmöbel mit Ihren beiden Songs "Der letzte deutsche Schnee" und "Muss der heil'ge Niklaus sein" gekonnt ab:

alicefalsi

Der großartige Nick Cave hat viele großartige Songs und einer der großartigsten ist ohne Zweifel "The ship song". Ernst Molden, der Wiener Barde, war in den Neunzigern Teilnehmer an der legendären Nick-Cave-Songwriter-Klasse an der Uni Wien ("Cave war streng, spielte ein Weltuntergangspiano und lehrte uns, dass das Liebeslied die absolute Königsdisziplin ist"), was vielleicht mit ein Grund ist, dass Molden nun schon den dritten Cave-Song eingewienert hat. Absolut herausragend ist seine Fassung vom "Ship song", die bei ihm "Es Boodliad" heißt und für mich auf einer Stufe mit der Libellengitarrenversion von "A subtle plague" steht. Doch diese beiden Coverversionen sind nur die Spitze des Eisbergs, wie ein bloß oberflächlicher Blick in youtube einen schnell lehrt. Bombastkitsch, Gänsehaut, Lagerfeuer, Harfe, Island ... alles dabei. Eine kleine Auswahl für Entdecker und Mutige:

"Ich habe mich oft gefragt: 'Was sagte der Bewohner der Osterinsel, der gerade dabei war, die letzte Palme zu fällen?' Schrie er wie moderne Holzfäller: 'Wir brauchen keine Bäume, sondern Arbeitsplätze!' Oder sagte er: 'Die Technik wird unsere Probleme schon lösen, keine Angst, wir werden einen Ersatz für das Holz finden'? Oder vielleicht: 'Wir haben keinen Beweis, dass es nicht an anderen Stellen auf der Osterinsel noch Palmen gibt, wir brauchen mehr Forschung, der Vorschlag, das Abholzen zu verbieten, ist voreilig und reine Angstmacherei'?"

(Aus dem 2. Kapitel "Schatten über der Osterinsel" aus dem Klassiker "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" von Jared Diamond)

Unsere siebte Galerie heute mit einer Single von 400 Blows, einem alten Glitterhouse-Gitarren-Sampler, Boz Scaggs, einer brennenden Arche Noah und ein paar Scheiben mehr.

Support Bäume, support Das Meer!

flugzeugausstieg

(Oben: Cover-Ausschnitt von der Rückseite der "For your safety"-EP der dänischen Hardcore-Band "Kaospilot")

In unserer losen Serie „Ist das Geld noch zu retten?“ (Nein, nicht der Euro, sondern alles, die pakistanische Rupie, der Yen, der Franken, der Taki, der Dollar und vor allem der Renmimbi) heute eine Prophezeihung.

Wenn du zu lange in einen Abgrund blickst, so einmal Friedrich Nietzsche, blickt am Ende der Abgrund auch in dich hinein. So ähnlich verhält es sich auch mit Internetforen, weswegen ich diese in aller Regel meide. Ab und an scrolle ich doch mal runter und da mich seit jeher Zukunftsprognosen interessieren, brennend interessieren, musste ich den Forumsbeitrag des routinierten Nutzers „Transmitter“ im SPON-Forum vom vorletzten Donnerstag für unser Logbuch kopieren. Es geht um die EFSF-Abstimmung im Bundestag und um das vermeintliche Unwissen einiger Abgeordneter darüber. Schon allein, weil sein Tippfehler so schön ist:

„Es ist zwar verdammt mühselig, die Realtität immer und immer wieder auf den Punkt zu bringen. Aber die Mühe ist nicht umsonst. Es werden immer mehr, die – wie Sie und ich – diese historisch einzigartige Sauerei verlogener und verluderter Berufspolitiker durchschauen. Leider können wir momentan nicht viel mehr machen als ehrlich und objektiv nachprüfbar aufzuklären. Die Betroffenen wachen erst auf, wenn die Tankstellen trocken, die Supermärkte leer und die Banken geschlossen sind.

Dann allerdings wird die Post abgehen; auch hierzulande. Meiner Meinung nach nur noch eine Frage kürzester Zeit!“

Klar, wenn’s keinen Sprit mehr gibt, müssen die Jungs von DHL, Hermes, DPD etc. zu Fuß die Pakete bringen. Doch Spaß beiseite, interpretieren wir „kürzeste Zeit“ mal großzügig mit drei Monaten. Dann melden wir uns wieder. Bis dahin freuen wir uns auf viele weitere großartige Beiträge des Nutzers „Transmitter“, die wir aber nicht lesen werden.

(Unten das Cover der Live-LP "Blitzkrieg over Nüremberg" der Metallkombo "Blue Cheer" aus dem Jahr 1984)

blue cheer blitzkrieg

 

 beachboysendlesssummerposter

(Oben das aufgeklappte Cover der Best-of-Doppel-LP Endless summer der Beach Boys)

Ich will immer so gern berauscht sein
Und werde doch immer nur breit
Und kaum da ich einmal nüchtern bin
Ist der Sommer schon wieder vorbei

(Aus dem Song Über Nacht von Element of Crime)

Auf grüner Wies‘ am Feldesrand
die Blümlein tanzen Hand in Hand,
Gräslein und Käfer freun sich sehr,
ach, wenn’s doch immer Sommer wär‘!

(Aus den Wurzelkindern)

Auch dieses Jahr geht der Sommer wieder ohne Applaus von der Bühne. Woran hat's gelegen? Das weiß nur der Wind und Kachelmann.

TOP 10 SOMMER ADE

  1. Element of Crime: Über Nacht
  2. The Doors: Summer's almost gone
  3. Beth Gibbons: Funny time of year
  4. Alexandra: Traum vom Fliegen
  5. Coleman Hawkins: Indian summer
  6. The Mamas and Papas: California dreamin'
  7. January Star: this time it feels like it is never going to be summer again
  8. The Beatles: Rain
  9. Them: It's all over now, Baby Blue
  10. Delta Spirit: Ode to sunshine
Untitled document

bauarbeiter_headerBeinahe rechtzeitig zum Start der 49. Fußballbundesliga-Saison 2011/2012 ein kleines Special zum Thema Fußballer unterwegs. Nicht im Bus oder im Ferrari oder auf dem Platz, sondern mit dem Flieger:  

  • Ein Klassiker, der zwar nicht in einem Flugzeug, aber wenigstens im Münchner Flughafen passierte, war der Zusammenstoß zwischen der Damen-Basketballnationalmannschaft und Lothar Matthäus. Der Rekordnationalspieler ließ es sich nicht nehmen, ungefragt, aber vermutlich freudig erregt auf die Schwanzlänge („Er hat den längsten“) seines Mitspielers Adolfo „El tren“ Valencia hinzuweisen. Die Reaktionen der Damen-Basketballnationalmannschaft sind nicht überliefert.
  • Ausgerechnet Lothars Intimfeind aus dem Schwabenländle, Jürgen Klinsmann, wurde 2004 überraschend Teamchef der Nationalmannschaft. Da Klinsmann seinen Wohnsitz in Kalifornien beibehielt, musste er mit dem Flieger „pendeln“ und ungefähr 80.000.000 Meilen in der Luft zurücklegen. Eine endlose, zähe Debatte, ob Klinsmann als Teamchef nicht hier zu wohne hätte, folgte. Als Klinsmann dann 2008 überraschend neuer Coach von Bayern München wurde, wechselte er seinen Wohnsitz notgedrungen. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt.
  • Zum Thema Pendeln zwischen Arbeitsplatz und Wohnort kann auch Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann etwas beitragen. Als er beim VfB Stuttgart spielte, ließ er sich ab und an von seinem Wohnsitz am Ostufer des Starnberger Sees mit einem Helikopter nach Stuttgart fliegen. Hin und zurück für 2000 €. Lehmann zahlte die Kosten angeblich selbst.
  • Ein großer Fußballer und ein leider noch größerer Alkoholiker war (ist?) Paul Gascoigne, der Gegenspieler von Klinsmann und Matthäus im WM-Halbfinale 1990 in Italien. Am Ende seiner Fußballerkarriere, bereits sichtlich gezeichnet, heuerte er noch einmal beim chinesischen Club Gansu Tianma an. Doch anstatt nach China flog Gazza erst einmal nach Phoenix, Arizona in das Meadows Rehabilitation Centre zum Entzug. „I'm a disgrace, I'm so sorry", stellte er sich dort an der Empfangstheke vor, nachdem er bereits in Heathrow betrunken in den Flieger gestiegen war.
  • Der vermutliche bekannteste (und auch beste) Fußballer, der unter Flugangst leidet (litt?), ist der Niederländer Dennis Bergkamp. Gerade für Spieler, die mit ihrer Mannschaft in internationalen Wettbewerben spielen, ist das natürlich ein Riesenproblem. Bergkamp selbst: „Wie und wann die Flugangst entstanden ist, weiß ich nicht […] Ich glaube schon, dass es sehr tief sitzt. Das letzte Mal bin ich Anfang 1995 geflogen. Mit Inter. In dieser Periode wurde es immer schlimmer. Flüge, bei der man die Panik im Körper spüre. Ein Gefühl von: ich will raus hier. Als ich dann einmal gesagt habe, dass ich das nicht mehr mitmachen wollte, fühlte ich mich enorm befreit.“
  • Als bedeutendster Fußballer Luxemburgs des letzten Jahrhunderts gilt der 1940 in Esch-sur-Alzette geborene Louis Pilot. Als Aktiver feierte er mehrere Meisterschaften und Pokalsiege mit Standard Lüttich.
  • Am letzten Spieltag der Bundesligasaison 1999/2000 ließen die Toten Hosen in einer ironisch gemeinten Aktion ein Flugzeug mit Banner über München kreisen. Drauf stand: Wir gratulieren dem FC Bayern München zur Deutschen Meisterschaft. Da Leverkusen in Unterhaching jedoch völlig überraschend 0:2 (Eigentor Ballack) verlor, traf die Gratulation dann doch wahrhaftig zu. (Trivia: Die beiden Großsympathen Campino und Uli Hoeneß wollten sich unlängst auf einem Friedensgipfel aussprechen – ob was draus geworden ist?)
  • Ein weiterer Bannerschlepp findet sich über dem Himmel Leverkusens: Ein klassisch-verwackeltes Youtube-Handy-Filmchen mit Klickzahlen über einer halben Millionen trägt den schönen Titel: EIN LEBEN LANG KEINE SCHALE IN DER HAND + FLUGZEUG und tatsächlich fliegt da ganz oben was vorbei.
  • Flughafen und Zoll: Es scheint in München Tradition zu werden, Ware aus Dubai nicht verzollen zu wollen. Nach Michael Ballack hatte es im April dieses Jahres auch Oliver Kahn erwischt, der sieben Poloshirts, acht Pullover, neun Hemden, fünf Hosen und zwei Sakkos, eine Lederjacke und zwei Paar Manschettenknöpfe für gut 6.500 € in den klimatisierten Shopping-Oasen des sympathischen Emirats eingekauft hatte, aber vergaß, die Ware wieder zurück in Deutschland durch das richtige Tor zu tragen.
  • Und zum Abschluss noch ein Höhen- und Kunstflug, den man Fußballern so gar nicht zutrauen würde: Linksaußen Udo „Das Pferd“ Hofleder wurde nach einer eher mittelprächtigen Laufbahn bei Darmstadt 98, den Kickers aus Offenbach und Eintracht Frankfurt sieben Jahre nach seinem letzten Spiel in der Oberklasse Weltmeister im Segelflug.

subheader

Untitled document
... auch dieses Jahr wieder Headliner beim Nürnberger Bardentreffen:
else

Das Nürnberger Bardentreffen findet seit 1976 jedes Jahr am letzten Juliwochenende in der Nürnberger Altstadt statt, ist umsonst und draußen und seit Jahren ziemlich gut besucht. Mit den  klampfenden Barden der Siebziger hat das Musikfestival heute nur noch wenig zu tun. Klar, handgemachte Musik steht weiter im Fokus, ab und an spielen auch mal "echte" Liedermacher und Singer/Songwriter. Aber leise Töne haben es schwer bei Laufkundschaft und akkustisch schwierigen Bedingungen. So wird eher gerockt in allen Facetten, was ja mehr als okay ist. Von lokal bis global ist alles vertreten. Es lassen sich immer tolle Entdeckungen machen (zum Beispiel der fantastische Wüstenrock von Tinariwen aus Mali letztes Jahr).

Am Hauptmarkt gab es auf mongole_kleinder Hauptbühne großartige Konzerte zu erleben (zum Beispiel The Go-Betweens 2003). Ein Erlebnis war auch die  30-Minuten-Version des Regierungsklassikers "Loswerden", dargeboten ebenfalls 2003 von Tilman Rossmy im wunderhübschen Ambiente der St.-Katharina-Klosterkirchenruine.

Das neue Tolle am Bardentreffen (das dieses Jahr reichlich kühl und verregnet war) ist, dass sich mittlerweile ein Off- und ein Off-Off-Festival etabliert hat. Neben dem offiziellen Programm (das jedes Jahr ein Schwerpunktland hat, heuer war das Spanien) und den offiziellen Bühnen in der Altstadt spielen in jeder freien Nische und an jeder Straßenecke weitere Acts ... Das reicht von der mongolischen Folkloretruppe (hier im Bild vor der Lorenzkirche) über den klassischen Touristenschreck, den Panflötenspieler, bis hin zu siebzehnjährigen, enthusiastischen Gymnasiasten mit Mini-Verstärkern und eigenen Songs, die neben dem Spaß ein paar Euro im Hut gerne mitnehmen (die Off- und Off-Off-Bands verkaufen ihre Tonträger, auch mal T-Shirts, und nehmen Spenden des Publikums gerne an).
mongolen_ausschnitt
Mittlerweile gibt es alte Bekannte, die jedes Jahr kommen, wie La Boum vor der IHK oder - siehe oben - die lebende Legende und der local hero aus Bamberg (und näherer Umgebung) Else Admire. Die Hüte sind natürlich unterschiedlich voll, was allerdings auch nicht immer etwas über die Qualität der Darbietung aussagt. Aber manchmal geht's eben auch um was ganz anderes ...
ausschnitt_jgabschiedskombo

Untitled document

„Tage der Flut“ heißt der im April dieses Jahres bei Aufbau erschienene furiose Zukunftsroman des Niederländers Frans Pollux. Es geht um Angebot und Nachfrage, Marktradikalismus, Terroristen und Freihpollux-cover-348x598eitskämpfer, der Verantwortung des Einzelnen und um die gute alte Frage, ob du Sand oder Öl im Getriebe bist. Ein Buch der ernsten Späße, das Anleihen an Terry Gilliams Bürokratiegroteske „Brazil“, Adam Smiths „unsichtbarer Hand“, George Orwells „1984“, den schnoddrig-zynischen Stil Michel Houellebecqs oder Frédéric Beigbeder macht, ohne je epigonal zu sein. Auf den Seiten 220 und 221 findet sich wie aus heiterem Himmel plötzlich eine flügelformig angeordnete Sentenz mit Zeilensprung, die ich hier zitiere:

„Wenn man bewusst an das Heute denkt, ist es unmöglich, sich gleichzeitig etwas in Erinnerung zu rufen oder an das Zukünftige zu denken.

Umgekehrt verliert man zeitweilig das Bewusstsein des Heute, wenn man sich dem Morgen oder Gestern beschäftigt. Es geht nur das eine oder das andere. Gefühl oder Gedanke;

heute und nicht heute. Man kann nur eine Hälfte aktiv erleben, der Autopilot übernimmt die andere.

Aber wer ist dieser Pilot?“

Keine Ahnung, aber wie die berühmte Faust aufs Auge passt da der Gastkommentar „Ratlose Piloten“ von Mohamed El-Erian diesen Mittwoch im „Handelsblatt“. Die us-amerikanischen und europäischen Politiker seien angesichts der vielfältigen Finanzprobleme (Staatsschulden etc.) selbst in der Krise. El-Erian, Chef der US-Fondsgesellschaft Pacific Investment Management Company (kurz: Pimco), vergleicht die Politiker mit „überforderten Flugkapitänen“. Unter sechs Problemfeldern litten die Politiker in Europa, Japan und die USA, eines sei bedingt durch den „verstärkten Abbau von Fremdkapital“. El-Erian dazu weiter: „Als würde aus unserem metaphorischen Flugzeug mitten in der Luft der Sauerstoff abgesaugt, destabilisiert dies die Gesellschaften und unterminiert die traditionelle Wirkung politischer Maßnahmen.“

Jetzt Werbung: "Tage der Flut" kaufen, lesen, dann ans "Handelsblatt" schicken.

Untitled document

„Vorspiel“ nennt sich die Rubrik in der spex, in der Musiker in einer Interviewsituation ausgewählte Songs kommentieren dürfen. In der aktuellen spex-Ausgabe mit Lady Gaga vorne drauf wird Bootsy Collins zum Vorspiel eingeladen. Bootsy Collins, Jahrgang 1951, Bassist, Komponist und Sänger, Ufologe und Fixstern im Funkuniversum, Solo und und in den Siebzigern bei Funkadelic/Parliament, kurzum, eine Legende, die stramm auf die 60 zugeht und aktuell mit neuem Album unterwegs ist, legt also los. Nachdem Bootsy Collins sich über James Brown, Jimi Hendrix und über die Etymologie des Fu1975_-_Mother_Focusnk ausgelassen hat, stellen ihm Jan Kedves und Anne Waak die Gretchenfrage, wie er denn Funk musikalisch definiere.

Funk sei wie sloppy seconds. Sloppy seconds?, fragen die Interviewer nach. Bootsy: „Nun ja, das ist, wenn mehrere Männer Sex mit derselben Frau haben. Der erste macht sein Ding fertig, dann kommt der zweite dran. Wenn schon ein paar Flecken auf dem Laken sind und alles ein bisschen lockerer sitzt – das ist funky!“ Aha, denkt sich der Leser. (Warum bloß fällt mir hier Funky von Tic Tac Toe ein? Und ich sitz‘ auf seinem Schoß, kleine Träume werden groß, ich fühl mich funky … Das hätte ich Bootsy Collins vorgespielt, wäre lustiger gewesen). Das Zitat mit den Flecken auf den Laken ist übrigens die Subheadline des Artikels. Im Interview geht es kommentarlos weiter mit dem nächsten Song. Ist das eine Meldung wert?

Hm, die aktuelle Sexualisierung des Gender-, Post-Porno- und Mode-Magazins spex erstaunt schon ein bisschen. In dieser Ausgabe wird die Subversivität Lady Gagas diskutiert, ein Romanvorabdruck des Wo-ist-die-Vorhaut-Jesu-Christi-hin?-Autors Thomas Meinecke (der schon die Rubrik „Vorspiel“ aufgrund der Konnotationvangelis ablehnen müsste) abgedruckt, Andreas Doraus erläutert, warum die dreizehnjährigen Aushilfsmarinas im Chor von „Fred vom Jupiter“ unsexy sein mussten und am Ende findet man amüsante Kommentare von Andreas Spechtl (Ja, Panik) über die spex-Redaktion („Das sind ganz straighte, heterosexuelle Männer dort. Da geht gar nichts“). Und auf fünf Druckseiten erläutert sloppy-seconds-Collins seine Sicht der Dinge. Ist das schon alles Post-Empire? Ja natürlich, ich schreibe das auch nur, um ungeniert das 1975er-Albumcover (als Sexismus noch state of the art war) der Prog-Rock-Band „Focus“ präsentieren zu können. Musikalisch absolut unfunky, aber auch hier wird ordentlich drübergebügelt, was nicht nur Bootsy Collins gefallen dürfte.

Andere Baustelleridebestof:Night-Song--Bjoernstad-Ketil-Henryson-Svante Vögel und Apokalypse. Natürlich könnte man zurückgehen bis zum alten Griechen Kretares und seinem leider nur als Fragment überliefertem Drama "Der Rabe, die Kriegerin, der Tod". Natürlich müsste man Hitchcocks "Die Vögel" in diesem Zusammenhang erwähnen - und den Soundtrack von Oskar Sala. Man kann aber auch mit einem anderen großen Griechen einsteigen, mit Evangelos Odyssey Papathanassiou, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Vangelis. Das Soundtrack-Cover zu einem mittlerweile vergessenen Frederic-Rossi-Film war es, das bis heute unzählige, weltuntergangsschwangere Vögel-Cover inspirierte.

Wir erinnern uns aber an Noah auf seiner Arche: Eine von Noah losgelassene Taube war es, die mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zurückkehrte und so von Land kündigte. Die Apokalypse war noch einmal abgewendet.

lessthanjake_muppets

Untitled document

mccormickfoc

Es kommt vor, dass man Aussortiertes wieder aus dem Keller holt. Gayle McCormicks Debütplatte von 1971 ist so ein Fall. Weniger die Musik war es, die mich in den Keller gehen ließ. Wobei die LP sehr toll ist, Blue Eyed Soul, viele Coverversionen, ein kleiner Hit mit "It's a crying shame". Ich vermisste die Photos von Gayle McCormick. Vielleicht weil sie mich an Stephanie, die junge judycollinsNichte von Anna, der besten Freundin und „wahren“ Ehefrau von Don Draper erinnert. Kalifornische bread_rueckLeichtigkeit, Lebensfreude, der Pazifik. Nein, das war es nicht.

Es war das Breitwandphoto im Innenteil (FOC=Fold-out-Cover). Gayle McCormick in dramatischen Farben allein am Strand. Solche Bilder gab es nur in den Siebzigern, speziell im Genré der Singer/Songwriter und im Soft Rock. (Anbei zwei LP-Rückseiten, eine von Judy Collins' "Best of" von 1972, die andere von der zweiten Bread "On the waters" von 1970, beide bei "Electra" erschienen, mit dem Schmetterling auf dem Label. Auch das waren die Siebziger) Am Strand, die Weite des Meeres im Hintergrund, Natur, Gischt, Salz, Inspiration, sich selbst suchen und finden. Heute findet man so etwas nur second hand.

mccormickfrontWährend Gayle McCormick sich in den Siebzigern leider nicht so erfolgreich an einer Solokarriere versucht, nachdem sie zuvor bei der Gruppe „Smith“* gesungen hatte, sitzt die über achtzigjährige Journalistin, Lyrikerin, Schriftsmccormickbacktellerin, Muse, Emigrantin, Nachlassverwalterin ihres Ehemanns Yvan und Zeitzeugin Claire Goll in ihrer kleinen Wohnung im 7. Arrondissement in Paris und schreibt an ihrer Autobiographie „Ich verzeihe keinem“ (Untertitel: Eine literarische Chronique scandaleuse unserer Zeit). Ich stieß auf das 1976 im Scherz Verlag erschiene Buch im Gebrauchtwarenmarkt des BRK. Ich habe selten eine zupackendere erste Seite in einer Autobiographie gelesen:

„Ich habe große Männer gekannt, sogar Genies: Joyce, Malraux, Saint-John Perse, Einstein, Henry Miller, Picasso, Chagall, Majakowski, Rilke, Montherlant, Cocteau, Dali, C. G. Jung, Artaud, Lehmbruck, Brancusi … Ihre vorherrschenden Charakterzüge waren meist eisiger Fanatismus und Verschlossenheit. […] Unter den Großen war keiner so unnahbar wie James Joyce. Ein arktischer Fisch? Eine Kreuzung zwischen Hummer und Auster? Ich habe ihn verabscheut, ohne ihn allerdings auf dieselbe Stufe der Widerwärtigkeit zu stellen wie meine Mutter, die ich über ihr elendes Sterben im Konzentrationslager hinaus hasse …“ […]

Für 1,30 € nahm ich das Buch mit und las es in eineinhalb Tagen. Es ist seltsam. Kalt, oberflächlich, ein Intellektuellen-Porno ohne Sex. Zwei Weltkriege, Emigration, unendlich viel, was in diesclaire_goll_coveren Jahrzehnten passiert ist, aber Goll schreibt unermüdlich und beinahe ausschließlich über Männer, berühmte Männer, berühmte Künstlermänner. Diesen kalten Hass, den sie in ihrem Vorwort ankündigt, hält sie jedoch nicht durch. Nicht nur zwischen den Zeilen findet sich Mitleid, Begeisterung, Zuneigung, Liebe für ihre Männer, allen voran für ihren langjährigen Ehmann Yvan Goll (ihre Schwiegermutter kommt übrigens auch nicht gut weg). Aber auf die Dauer ermüdet es furchtbar. Ihr eigenes journalistisches und literarisches Schaffen findet Claire Goll nicht erwähnenswert. Kaum Reflexion über das Zeitgeschehen, Involvierung wird behauptet, aber nicht geschildert. Ein groteskes Buch der Zehner-Generation vor einem Jahrhundert, lesenswert und weit, ganz weit weg. 

* Wegen Lizenzstreitigkeiten erschien auf dem klassischen "Easy rider"-Soundtrack "The weight" nicht in der Version von "The Band", sondern als Cover von "Smith", was dem einen nie aufgefallen ist, den anderen verwundert, den dritten gestört hat. Sei's drum, wer die Debüt-LP "A group called Smith" von 1969 oder die vergriffene, mit Bonus-Tracks ergänzte CD-Ausgabe besitzt und loswerden möchte, soll sich bitte bei mir melden. Gerne Tausch.

angelofoc

Untitled document
mb_flog_nicht_mit
(Photo oben: Nach einem heftigen Regenguss kämpft sich die Sonne wieder zurück. Die Chartermaschine startet Richtung Sardinien. Es ist Sonntag.)
  • Beim WM-Turnier 2006 in Deutschland ist der torgefährlichste Mittelfeldspieler noch ohne Tor (so sollte es bis zum Turnierende auch bleiben). Ballack schießt aus allen Lagen, um endlich seinen ersten Treffer aus dem Spiel heraus zu erzielen. Als sein 13. Weitschuss schon wieder am Tor vorbei fliegt, sieht man am TV Ballack in Großaufnahme mit sich selbst hadern und schimpfen. In größerer Runde im Wohnzimmer sitzend, können wir ihm den Aufschrei von den Lippen ablesen: „Menno!“. Große Aufregung im Wohnzimmer – Hat Ballack tatsächlich „Menno“ gesagt? Ja, hat er. Menno.
  • Günter Netzer wirft in seiner Sport-Bild-Kolumne im Sommer 2003 Michael Ballack nicht nur Führungsschwäche vor. Nein, Netzer geht noch einen Schritt weiter und behauptet, Ballack könne nie zum Führungsspieler aufsteigen, da er in der DDR (Stichwort: Kollektiv, Töpfchen-Debatte) sozialisiert worden sei. Treppenwitz der Geschichte, dass Ballack sieben bis acht Jahre später als „Leader“ in ein neu formiertes Team der flachen Hierarchien nicht mehr passen darf.
  • Nach dem unrühmlichen 0:3-Viertelfinal-Aus bei der WM und in den letzten Wirren der Berti-Vogts-Ära im im Herbst 1998 (man erinnere sich an den legendären 2:1-Auswärtssieg auf Malta, als sogar Stefan Effenberg nach seiner Stinkefinger-Affäre ein kurzes Comeback gab), avanciert der 22-jährige Ballack im Talent-Brachland Fußballnationalmannschaft zum Hoffnungsträger. Sein Trainer Otto Rehagel ätzt zwar sinngemäß, dass Spieler, die im Strandurlaub den Ball hochhalten, auf einmal das Prädikat Weltklasse bekommen würden. Egal, im Jahr darauf ist Ballack Nationalspieler (Debüt als Einwechselspieler bei einem 0:1 in Schottland) und in der Bundesliga erlebt er nach einer weiteren Einwechslung (für Hany Ramzy) das legendäre 5:1 der Frankfurter Eintracht im Abstiegskrimi der Saison 1998/99 mit.
  • 2002 ist der FC Barcelona an einer Verpflichtung von Bernd Schneider und Michael Ballack interessiert. Schneider bleibt in Leverkusen, Ballack wechselt nach München.
  • Nach vier Jahren beim FC Bayern wechselt er nach London, zum FC Chelsea.
  • Beim FC Chelsea herrscht der Brauch, dass neue Spieler zum Einstand ein Lied singen müssen. Ballack singt „Du entschuldige, i kenn di“ von Peter Cornelius vor.
  • Weil Michael Ballack eine 2000-Euro-Handtasche aus Dubai, ein Geschenk für seine Lebensgefährtin, im Münchner Flughafen beim Zoll nicht deklariert, bekommt er ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung aufgebrummt. Das Verfahren wird eingestellt, Michael Ballack muss ein Bußgeld in Höhe von 70.000 Euro zahlen.
  • Im Oktober 2008 gibt Michael Ballack der FAZ ein Interview, in dem er Respekt und Loyalität für alte Fahrensmänner wie seinen Kumpel Thorsten Frings einfordert.
  • Das Eigentor gegen Unterhaching.
  • „Was ist? Irgendetwas passiert?“Ja.

Meine Mutter stand immer auf dich. Ich auch. Mach’s gut. Danke.

Untitled document

Lady Gaga war nur ein Name für mich, Entertainment im digitalen Wind, doch im Zuge ihrer Veröffentlichung von „Born this way“ stieß ich auf ein Detail, das mich interessierte (keine Sorge, FADC zeigt hier nicht das absolut grottige, durch nichts zu rechtfertigende Cover ihrer neuen CD): Clarence Clemons*, der Saxophonist der E Street Band, bläst auf zwei neuen Gaga-Tracks. Bruce Springsteen, Jahrgang 1949, Rockmusiker mit ca. 1284 Gewerkschaftsehrenanstecknadeln, und Lady Gaga, Jahrgang 1986, Verkleidungskünstlerin und so hypermodern, dass selbst Twitter nicht hinterherkommt – wie das?

Tobias Rapp, der SPIEGEL-Beauftragte für Stefani Germanotta (so Lady Gagas bürgerlicher Name) erklärt in den letzten Tagen nicht nur das. Im Print-Flaggschiff Ausgabe 20/2011 erschien ein schönes, ausführliches Gaga-Porträt, online kämpft Tobias Rapp in gefühlt 8787 weiteren Beiträgen wie ein Löwe um die richtige Einordung des neuen Werks Lady Gagas: „Es ist nicht im_strudel_kleineinfach ein großes Pop-Album. Es ist ein phantastisches Pop-Album.“ An anderer Stelle meint er, dass „Born this way“ die „Menschheit wohl nie wieder verlassen“ wird und der „große popkulturelle Moment des Jahres“ sei. Tobias Rapp, der Lady Gaga in den USA traf und sich dabei von einem ihrer Bodyguards photographieren ließ, destillierte seine Eindrücke auch gleich kidsgerecht für „Dein SPIEGEL“, dem monatlich am Kiosk erscheinenden Ableger (Slogan: Einfach mehr wissen) für die Zielgruppe 10 bis 14.

(Photo oben - Schnappschuss einer unbekannten Stewardess: Lady Gaga wird es auf einem Flug von Ottawa nach Montreal blümerant; wenig später landet die Maschine wohlbehalten auf dem Aéroport international Pierre-Elliott-Trudeau de Montréal; Lady Gaga hat wieder Farbe im Gesicht)

In seinem Beitrag „Beim Superstar auf dem Sofa“ resümiert Rapp (übrigens besser als in dem Porträt für die Zielgruppe 14+): „Vielleicht ist ihr Geheimnis ja, dass es gar kein Geheimnis gibt. Sie verkleidet sich einfach gern, singt gern und steht gern im Rampenlicht.“   

Seit November 2010 liegt „Dein SPIEGEL“ neben der Sport-Bravo, der Stafette, AniMania, Geolino, dem Fluter (gibt’s umsonst) in der Schulbibliothek aus, die ich regele. Hauptschule. Südstadt. Bis heute hat niemand je eine Ausgabe von „Dein SPIEGEL“ ausgeliehen. Blitzumfrage unter den Siebt- und Achtklässlerinnen. Mögt ihr Lady Gaga? Nicken, heftig, funkelnde Augen. 100 % Zustimmung. Hey, im aktuellen „Dein SPIEGEL“ ist auch ein Lady-Gaga-Bericht drin … Willst du nicht ausleihen? Kopfschütteln.

* Auch in der brandaktuellen „spex“ ist Lady Gaga Thema, „GAGA natürlich!“ ist sogar der Titel. Neben allerhand Geschwurbel finden sich dort sehr gute, überraschende Gaga-Photos vom Starphotographen Wolfgang Tillmans und eine ausführliche, die Nachtigall trapsen hörende Albumbesprechung von Jan Kedves. In dieser zieht Kedves einen Link zu einem Blog-Beitrag des US-Autors Bret Easton Ellis, in dem es um das Empire und das Post-Empire geht. Klar, dass Lady Gaga Post-Empire und Clarence Clemons zum alten Empire gehört. Putzig allerdings, dass sich der Autor bemüßigt fühlt, in einer Klammer zu erklären, wer Clarence Clemons ist: (Saxofonist von Bruce Springsteen). Kedves, der den Saxophonisten mit der von der DUDEN-Fraktion empfohlenen Variante gänzlich unromantisch, also mit „f“ schreibt, attestiert dem „Projekt Born this way“ mit dem Einbezug von „Altgöttern“ wie Clarence Clemons sogar einen barmherzigen Zug. Jesus! Lustig.

Seite 1 von 4