Logbuch: Flugzeuge auf dem Cover

Abrissbirne, Wrecking Ball, heißt die neue Platte von Bruce Springsteen. Ein teils kruder Gemischtwarenladen ist diese, doch der Titeltrack gehört neben dem biblischen Rocky Ground mit zum Besten, was der Boss in seiner über vierzigjährigen Karriere geschrieben und aufgenommen hat.

Anlass für den Song war in der Tat ein Abriss, und zwar der des Giant Stadiums in East Rutherford, New Jersey, an dem ich jeden Tag mit dem Bus Richtung Manhattan Central Station vorbeifuhr, als ich bei meiner Tante Gisela wohnte. Bruce und die E Street Band haben dort 21 Mal gespielt, natürlich die New York Giants und viele andere. And all our little victories and glories have turned into parking lots.

Der Stadion-Abriss war 2010, zwei Jahre später die Platte und der Song, der, klar, jetzt gleich als Symbolsong für den ganzen vermeintlichen Niedergang der USA herhalten muss. Erinnert schon jetzt ein bisschen an die Verwirrung um die LP und den Song Born in the USA aus dem Jahr 1984, der von vielen als patriotisches Statement missverstanden wurde. Wer Bruce im fantastischen Auftritt in der Late-Night-Show von Jimmy Fallon grinsen sieht (bei obiger zitierter Zeile mit den Parkplätzen), versteht sofort, dass es sich hier um einen sentimental-angehauchten Feel-good-Song über die alten Zeiten handelt, und nicht um the fall and decline of the empire. Oder um was auch immer.

Entscheidend für uns ist jedoch diese Zeile, die sich am Anfang findet, als Bruce betont, woher er kommt und wer er ist, nämlich einer aus den Sümpfen Jerseys:

Now, my home’s here in these Meadowlands

Where mosquitos grow big as airplanes

Erstaunlicher Flugzeugbezug von einem, der es sonst eher mit Autos hat …

Für alle Bossisten und für alle Freunde von Einzelsongbewertung, wie man sie gerne mal bei amazon liest, hier auch noch kurz eine:

  • We take care of our own: solide
  • Easy money: nix
  • Shackled and drawn: aus den Seeger-Sessions rübergeirt, musste nicht sein
  • Jack of all trades: live bei Jimmy Fallon ergreifend, richtig ergreifend, aus der Konserve hm-hm
  • Death to my hometown: mit MIA-Paper-Planes-Gedächtnissample. Irisch. Geht so
  • This depression: gut, Atmosphäre, mit Solo von Tom Morello
  • Wrecking ball: bester Song der Platte und bester Bruce-Song seit “Missing”
  • You’ve got it: hätte es in den guten alten Zeiten nicht mal auf ein Bootleg geschafft
  • Rocky ground: die Entdeckung der Background-Sängerin Michelle Moore. Mit Rap-Einlage, biblischem Text, wunderbarer Melodie, ganz ganz großartig
  • Land of hope and dreams: zwar ein alter Hut, ein bisschen modisch angepasst, mit Sax-Solo von Clarence Clemons aus dem Himmel und Curtis-Mayfield-Zitat aus dem Himmel, aber weiterhin ein guter Hut
  • We are alive: musste auch nicht sein

bosswreckingball

 

versailleswhitesoxx

Lag es an den Käselatschen, die in Anlehnung an eine gute alte arabische Tradition, seinen Unmut auszudrücken, über dem Zaun von Schloss Bellevue hingen? Lag es an den farblich falschen Socken beim Bundespresseball? [Schon jetzt nimmt das montenegrinische Wettbüro in der Schmelzofenvorstadt Wetten an, wer 2014 der Nachfolger der Nachfolgerin von J.G. sein wird] Lag es an den bösen Medien? Am Roll-over-Kredit? Gar am Bobbycar?

Wir halten inne und erinnern kurz an einen wahrhaft welthistorischen Moment von einzigartiger Dynamik und Größe:

Warum war für den Posten des Bundespräsidenten, der von Kritikern schon mal gerne als "Grüßaugust" diffamiert wird, eigendrachenflieger 02lich zu keinem Zeitpunkt drachenflieger 01Heiner Geißler im Gespräch? Zu alt, keine Zeit, zu katholisch? In der falschen Versicherung? Exklusiv-Vertrag bei "Phoenix"? Zumindest Heribert Prantl, der Kommentator der "SZ", der sein Talent mit Innenpolitik verschleudert, hatte eine "Prise" Heiner. 

So ganz klar ist mir bis heute nicht geworden, warum es diesen Posten im 21. Jahrhundert noch braucht. Um die FDP zu retten? Damit die Linkspartei auch hier dagegen sein kann? Damit die Immobilie "Schloss Bellevue" nicht zum Spekulationsobjekt wird?

Jetzt ist aber genug mit diesem Thema!

Gibt es nichts Neues? Falls nein, Sex geht immer. Das musikalische Zentrumsblog stereogum hat eine schöne Liste der zehn besten NSFW-Musikvideos 2011 gepostet. NSFW? Steht angeblich für "Not safe for work" und meint Seiten mit in erster Linie pornographischem Inhalt, den man sich beim Surfen im Büro nicht reinziehen sollte. Es könnte ja eine Abmahnung geben. Vielleicht sogar eine fristlose Kündigung. Dann Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Alkoholismus, Scheidung, Verwahrlosung, drachenflieger 03Magen-Darm-Probleme, Ausschluss aus allen sozialen Netzwerken, schließlich die Straßen & die Brücken, dann das unverhoffte Comeback bei einem Auftritt in der Reality-Show "Obdachlos im Januar" auf RTL II ... (wir erinnern uns an die tollen Polaroid-Schnappschuss-Lebensläufe in "Lola rennt", als Tom Tywker noch gute Filme drehte). Fucking cold, fucking funny. Not safe for work!!! Darunter werden heute im 21. Jahrhundert also anspruchsvolle Musikvideos subsumiert, die mit Sex zu tun haben. Die Arbeitswelt bestimmt - alles.

Zu guter Letzt noch ein Zitat von Mark Greif, dem unfreilwilligen Hipsterpräsidenten (nein, er kommt nicht aus Polen!), aus dem Essay "Rappen lernen" (sehr gut) aus dem Sammelband "Bluescreen", erschienen ganz aktuell bei Suhrkamp, die wieder was werden wollen:

"Ich habe auch schon Musikfans getroffen, die sich gut auskennen, die mir aber gesagt haben, dass sie wirklich nie auf die Texte hören, ja dass sie sie nicht einmal wahrnehmen."

(Mark Greif: Bluescreen. Essays. Suhrkamp 2011. S. 221)

dreamsssss

aviatorVon Maria Schrader, Schauspielerin, fand ich im „KulturSPIEGEL“ (Februar 2012, Heft 2), dem monatlichen Beileger zum Mutterblatt DER SPIEGEL, folgende Sätze: „Seit vier Jahren pendele ich aus Berlin nach Köln“, hebt Schrader in der Rubrik „Kulturtipp“ ab, „das Kölner Schauspielhaus ist zu meiner zweiten Heimat geworden.“ Jetzt kommt es:

„Leider fliege ich meistens nur abends zum Spielen hin und am nächsten Morgen wieder zurück, so dass ich viele Inszenierungen verpasse.“

(Links das LP-Cover "Turbulence" der britischen Progrocker Aviator von 1980)

Selbstverständlich hat FADC ein Herz für Berufspendler und Vielflieger, aber bitte doch nicht für subventionierte Theaterinszenierungen in Köln!!! Schon bemerkenswert, mit welcher Nonchalance – oder Gleichgültigkeit – ein solcher Satz gesagt wird.

(Unten das Cover der 7" "Stukas über Shoreditch" des Londoner Punkrockers Johnny Throttle)

stukas

Als jemand, dessen früheste Erinnerungen die Radio-Sondersendungen am Tag Eins nach dem Tod des Kings sind, als jemand, der in Achtzigern Creedence Clearwater Revival, Jimi Hendrix und die Rolling Stones gehört hat, als jemand, der in den Neunzigern die Beatles, Dylan und die Velvet Underground gehört hat, als jemand, der in den Nullern die Achtziger entdeckt hat, Post-Punk und polnischen Jazz, als jemand, der in den letzten Jahren blonderedhead23sich wieder verstärkt den Byrds, Soft Rock, Schallplatten von MPS und vergessenen Gitarristen wie Sandy Bull zugewandt hat, also als jemand, der das Vergangene schätzt und Neues eher dort sucht als in der Gegenwart, für den es ist mit der Zukunft so eine Sache.

(Davon abgesehen klingt einiges zwischen 1979 und 1981 Aufgenommenes noch immer so, als könnte es auch übermorgen erscheinen. Vorausschauend. Das erste und einzige Album von Essential Logic, der Band um die Saxophonistin Lora Logic, beispielsweise, frühe Singles von Cabaret Voltaire, „We live as we dream, alone“ der Gang of Four).

Doch ab und an packt auch mich die Zukunft. Der Track und das zugehörige Album „23“ der New Yorker Band Blonde Redhead klangen und klingen für mich immer noch, hm, futuristisch, frisch, frei, formidabel. Begeistert spielte ich den Song meinem Kollegen Norbert vor, dem die CD (hier unbedingt der Vinylausgabe vorzuziehen) gut gefiel, der aber nichts Futuristisches hören konnte. Kollegin Kerstin gefiel besonders das Cover mit dem Hochprägedruck der vierbeinigen Tennisspielerin. Sehr elegant. Die Musik überzeugte sie allerdings nicht. Nun ja.

 

Von der „Bäckerblume“ über den „Musikexpress“ bis hin zur „Testcard“ war er 2011 überall zu finden: der britische Musikjournalist Simon Reynolds mit retromaniaseinen Stillstandsthesen zur Popmusik. Sein jetzt schon klassisch zu nennendes Buch „Retromania. Pop culture’s addiction to its own past“ (noch nicht übersetzt) bewegte alle, die sich mit Musik auseinandersetzen. Alles schon einmal dagewesen? Nichts Neues mehr unter der Sonne? Das Internet als bloßes Archiv und Museum? Steht Musik noch im Zentrum? Gibt es einen Soundtrack zur Revolution?

Seit diesem sehr lesenswerten Buch, so mein Eindruck, häufen sich die Beiträge, die auf „neue Musik“ explizit hinweisen. Hey, es gibt sie! Da, schaut her!! Exemplarisch sei hier der Artikel „Elektro Global – Bastards mit fetten Bässen“ von Christoph Twickel auf SPON genannt, der dank youtube und Soundcloud ein Mal um die Welt düst und dem geneigten Leser exotische Mitbringsel wie Electrochampeta oder Tribal Guarachero vor den Latz haut.

Was sagt Simon Reynolds selbst? Gibt’s da doch noch was? Was war frisch in den Nullern? In einem Interview in der „Testcard“ (in der aktuellen Ausgabe #21 „Überleben“) fallen Namen wie Terror Danjah, Mala, Loefah, Black Dice, Gang Gang Dance, Animal Collective, Dizzee Rascal, RUFF SQWAD und andere. „Aber die Anzahl an Musiker_innen, die Musik produzieren, bei der man das Gefühl hat, dass man sie nie zuvor gehört hat, ist kleiner geworden“, so Reynolds.  

Hier ein großer, mächtiger UK-Grime-Track von Terror Danjah mit – wer immer sie ist – Laura Mason:

Simon Reynolds im „Testcard“-Interview: „Ich mag Mala und Loefah, besonders Tunes wie „Bombay squad“ fand ich neu und erfindungsreich.“ Here it is:

Ab jetzt wird auch FADC in loser Folge „neue Musik“ featuren.

10FGP HillsideDie xte Debatte über Cannabislegalisierung gestern im Bundestag. Gähn. Doch ein Detail war nicht uninteressant. Selbstverständlich, dass die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (ja, diese10ftganjamidnightn grandiosen Job gibt es wirklich) gegen die Hanffreigabe ist. Mechthild Dyckmans heißt die Frau, die seit 2009 diesen Job ausübt. Und Bundestagsabgeordnete der FDP ist. Welcher Partei? Der EFF-DEE-PEE! Der Partei, die sich „für die Idee der Freiheit und Verantwortung“ (so auf der offiziellen Parteihomepage) einsetzt. „Wir vertrauen den Menschen“, heißt es weiter. Und sie wehren sich tapfer gegen „gegen Fremdbestimmung, Bevormundung und Bürokratismus“.

Themenwechsel: 10 Ft. Ganja Plant nennt sich ein loses Reggae-Kollektiv aus New York State, das nicht nur durch seine Musik, sondern auch durch die Cover-Artworks große Freude macht. Sogar nüchtern.

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ibiza2011022012 müffelt bereits jetzt; noch nie fing ein Jahr so planlos, gar desorientiert an.

Der Friede-Freude-Eierkuchen fault, Schwefel hängt im milden Januar in allen Asphaltritzen, über die die waghalsigen Kapitäne der Gigaliner („Meiner ist 25 Meter lang“) brettern, während auf den Tastaturen der Chefredaktionen Keime der Belanglosigkeiten die illegale Raumpflegerin krank machen. Und Europa brunzt trübes Wasser.

Doch dieses Jahr Urlaub zusammen mit Uli Hoeneß, Dirk Niebel, Josef Joffe und Lena Meyer-Landrut auf Ibiza.

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Auch 2012 findet unsere lose Serie „Ist das Geld noch zu retten?“ (Nein, nicht nur der Euro, sondern alles, die pakistanische Rupie, der Yen, der Franken, der Taki, der Dollar und vor allem der Renmimbi) leider eine Fortsetzung.

Doch zuerst ein Blick zurück: Vor gut einem Vierteljahr zitierten wir den uns unbekannten „Transmitter“,  der im Forum bei SPIEGEL ONLlNE populistische Politikerschelte betrieb und eine Euro-Prophezeihung wagte: „Die Betroffen wachen erst auf“, schrieb Transmitter, „wenn die Tankstellen trocken, die Supermärkte leer und die Banken geschlossen sind.“ Dieser Zustand sei nur noch „eine Frage kürzester Zeit.“

Drei Monate später bekomme ich weiterhin Geld aus dem Automaten, die Preise im Supermarkt sind stabil, die Tankstellen feuchtfröhlich wie eh und je. Nun gut, warum sich überhaupt mit solch peinsamen Forengelaber abgeben?, fragt sich jetzt vielleicht der eine oder andere. Ja, zum Teufel, das weiß ich auch nicht.

Wenn ich schon über geschlossene Banken, leere Supermärkte & trockene Tankstellen (was ja ein wunderbarer Dreiklang ist, ein Schimmer vom Paradies) schreiben würde, dann finge ich mit der Schweiz an.

Wer sich dafür interessiert, welches Album beispielsweise SPIN zum besten 2011 auserkoren hat („David comes to life“ von Fucked up), das britische Mojo („Let England shake“ von PJ Harvey), der amerikanische Rolling Stone („21“ von Adele) oder welchen Song Pitchfork für Nummer-1-würdig hält („Midnight City“ von M83 – ein fader Aufguss der letzten Platte), kann von Seite zu Seite surfen – oder er geht gleich auf die sehr elegante, übersichtliche Seite der Yearendlists. Da hat man alles auf einen Blick.

Im Jahresrückblick 2011 auf der Song-Liste der SPEX die Nummer 6. Phantastischer Song, noch besseres Video:

Richtig spannend wäre mal eine Liste mit Alben, die überhaupt nicht auftauchen. Meine Nummer 1, „Start and complete“ der About Group, habe ich beispielsweise noch nirgendwo gesichtet … Was mir ein Rätsel ist.

Bei der About Group handelt es sich um ein Projekt, das der legendäre Postpunk-Schlagzeuger Charles Hayward (This heat), ähm, zusammentrommelte. Mit Alexis Taylor von Hot Chip als Sänger und Songschreiber, Pat Thomas und John Coxon von Spiritualized. Herausgekommen ist eine unglaublich inspirierte Soulplatte. Made in the 21st century. Groove, Wärme, Vibes. Wie die tröstende Umarmung eines Freundes in diesen Scheißzeiten.

Hier ein Video von einem exklusiven Live-Auftritt für den Guardian. Sensationelle 190 youtube-Aufrufe bisher (da können ja wir von FADC noch mithalten). Unnötig zu erwähnen, dass die About Group nicht mal in der englischen Wikipedia einen Eintrag hat ... Don’t worry.

Es geht los, Bestenlisten noch und nöcher, wohin man auch schaut. Vor einunddreißig Jahren schrieb Greil Marcus: "Der Rock'n'Roll ist mittlerweile zu groß, um irgendein Zentrum zu haben. Tatsächlich ist er so groß, daß einzelne Ereignisse - ob nun Springsteens Tournee, Sid Vicious' Überdosis oder das erste Album John Lennons seit fünf Jahren - kaum mehr als Randerscheinungen sein können."

aboutgroup

Platten 2011

  1. About Group: Start and complete
  2. Ja, Panik: DMD KIU LIDT
  3. Chris Difford: Cashmere if you can
  4. Handsome Furs: Sound Kapital
  5. Okkervil River: I am far away
  6. Destroyer: Kaputt
  7. Diverse: A tribute to Nevermind (CD-Beilage v. Musikexpress Oktober 2011)
  8. Dum Dum Girls: Only in dreams
  9. Bob Dylan: Pure Dylan - An intimate look at Bob Dylan
  10. Hauschka: Salon des Amateurs

Songs 2011

  1. Ja, Panik: Nevermind (DMD KIU LIDT)
  2. Molden: Es Boodliad (Weida foan)
  3. Okkervil River: Lay of the last survivor (I am far away)
  4. Dum Dum Girls: He gets me high (EP Het gets me high)
  5. Destroyer: Poor on love (Kaputt)
  6. The Low Anthem: Ghost woman blues (Smart flesh)
  7. Lady Gaga: The edge of glory (Born this way)
  8. Deerhunter: Cool (7” Pylon/Cover + Remix)
  9. Exitmusic: The sea (EP Silence music)
  10. James Blake: Once we all agree (Enough thunder)

 

In unserer endlosen Serie „Ist das Geld noch zu retten?“ (Nein, nicht nur der Euro, sondern alles, die pakistanische Rupie, der Yen, der Franken, der Taki, der Dollar und vor allem der Renmimbi) heute mit James Burnham (1905–1987). Der Mann aus Chicago verstand sich als Theoretiker der Politik, der als Trotzkist begann und als Konservativer endete.

In seinem Buch „Die Strategien des Kalten Krieges“ (Stuttgart: Union Deutsche Verlagsgesellschaft 1950) fand ich im ersten Teil frappierend Zeitloses. Im vierten Kapitel „Was kann man von Europa erwarten?“ formuliert Burnham aus der Sicht des US-Amerikaners Fragen, die uns alte Europäer auch gute sechzig Jahre später noch umtreiben. Ich zitiere aus dem lesenswerten Band:

stop kontrollturm“Die Frage, vor der Europa heute steht, heißt einfacht: ‚Wird Europa am Leben bleiben?‘ Heute allerdings lautet die Frage vielleich besser: ‚Wünscht Europa, am Leben zu bleiben?‘ Hat es nicht den Wunsch, so wird es gewiß nicht am Leben bleiben.“ (S. 83)

Woran liegt es nach James Burnham? Eine Seite später liefert er die nachdenkenswerte Antwort:

„Ein Beweis für das Nachlassen des Lebenswillens liegt in dem Verlust des Gemeinschaftsinns, den ich schon erwähnt habe, in der Demoralisierung, dem Seperatismus und Zynismus.“ (S. 84)

That’s it! Und weiter im Text:

„Die Antwort auf die Frage dieses Kapitels: ‚Was kann man von Europa erwarten?‘ muß lauten: vom europäischen Kontinent unter den jetzigen Verhältnissen wenig und vielleicht weniger als nichts. Die heutigen Regierungen und Regierungsparteien sind jedoch nicht mir Europa identisch, und die jetzigen Verhältnisse brauchen nicht ewig zu dauern.“ (S. 87)

Aber wie, aber wie kann man diesen trüben Zustand überwinden? Auch darauf hat Burnham eine Antwort:

„Übernehmen die Vereinigten Staaten die Verantwortung, ergreifen sie die Initiative und bieten sie echte Führung, dann und nur dann wird Europa eine schöpferische Antwort erteilen. Dasselbe Europa, das heute wie ein greiser Vater erscheint, der das Haus verkommen läßt, das Erbe seiner Kinder durchbringt und mißmutig die Arztrechnungen anschwellen läßt, wird sich dann als kluger Ratgeber und als tapferer Teilhaber am Bau einer neuen Weltordnung erweisen.“ (S. 89f)

Die Engländer haben das verstanden. Deswegen kuscheln sie lieber mit den USA und hoffen weiterhin unverdrossen auf eine neue (alte) Weltordnung. Die Entwicklung bleibt abzuwarten. FADC bleibt am Ball und tritt weiterhin für ein Europa aller Europäer ein.

Heute um 14.22 Uhr im Dezemberregen im Mercedes im Autoradio auf SWR 1 Jeff Buckleys "Hallelujah" gehört. 

In einem Freiburger Programmkino sah ich zufällig den Film “Lenin kam nur bis Lüdenscheid” nach dem Bestseller vschmuddelkindernon RD Precht über seine 68er-Kindheit in der Provinz. Höhepunkt des doch recht blassen Films waren die Songs von Franz-Josef Degenhardt, der im Gegensatz zu Lenin sogar bis nach Solingen kam und dort ein Konzert gab. DKP, Schmuddelkinder, Liedermacher – ein Dreiklang, der mich bis dato nicht besonders reizte. Das sollte sich ändern.

Wenig später hatte ich einen Stapel LPs von „Väterchen Franz“ zu Hause, hörte und staunte. „Er singt seine Lieder oft im raunenden Mollton, dann wieder mit irreführender Sonnigkeit“, schreibt Werner Burkhardt in den liner notes zur 1fjd live965er-LP „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern – Chansons von und mit Franz-Josef Degenhardt“, einem westdeutschen Klassiker und einer der zehn, fünfzehn deutschsprachigen Platten, die man wirklich haben und kennen muss.

Was für eine Platte ist das! Gewürdigt in den letzten Jahren durch tolle Coverversionen von Element of Crime (Auf der Espresso-Maschine), Erdmöbel (Kein schönes Lied) und dem Bierbeben (Hochzeit). Jetzt kommt ein Degenhardt-Revival, eine Würdigung, eine Rückbesinnung in größerem Ausmaß, dachte ich mir. Doch zumindest bei ebay konnte ich keine große Nachfrage feststellen. Platten ungehört für einen Euro. Degenhardt in der Ramschkiste auch im Second-Hand-Laden um die Ecke.

Degenhardt hören ist bis heute kein angenehmes Hören. Keine Wellness, keine Streicheleinheit, keine innere Hausse. Ein Nicht-Sänger mit einer penetranten Wichtigkeit in der Stimme, die einem zum Zuhören zwingt. Kopfzerbrechen über seinen Deutsch-Surrealismus. Die Gitarre eher zweckmäßig, die frühen LP-Cover in Reminiszenz an George Grosz unangenehm gestaltet von Horst Janssen, als hätten wir wieder 1927.

Unfassbar bis heute Degenhardts Sprechgesang in „Vatis Argumente (Ärmel aufkrempeln – zupacken – aufbauen)“, einem minimalistisch groovendem Rudi-Dutschke-Monster-Song. Die Einladung in „Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen“ steht noch immer im Raum. Die Verschrobenheit in „Landleute nageln tote Eulen oft an ihre Scheunen“.

Degenhardt hat über 30 Platten veröffentlicht, die ich alle noch hören will, er hat Romane geschrieben, die ich alle noch lesen will. Diesen Montag, am 14. November 2011, ist Franz-Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren verstorben.

Früher war das Kapital ein scheues Reh. Heute ist es ein störrischer Ziegenbock mit Verdauungsproblemen. Das sagt so nur keiner, denn alle haben mindestens ihren kleinen Finger im Popo des Ziegenbocks stecken, während sie mit feuchten Augen Richtung Lichtung blicken, in der Hoffnung, dort hüpfte ein junges Reh .... Kurcapitaoazazum: Es ist eklig. Weil es furchtbar verlogen ist. Denn niemand, wirklich niemand, zwingt all die Menschen, ihren kleinen Finger in den Popo des Ziegenbocks zu stecken. Was tun?, sprach der Zoowärter.

Ein Zitat aus einem aktuellen Interview mit Bono, der gerne die Welt rettet, ohne zuviel Steuern zu zahlen, hilft weiter. Im Wortlaut: "Der Erfolg stieg mir zu Kopf. Es ging so weit, dass man für mich hinter der Bühne einen Sandsack aufhängte, den ich nach Konzerten verprügelte; Energie schoss durch meinen Körper, als würde ich mit den Händen in einer Steckdose stecken." Das ist der junge Unternehmer, der vor lauter Kapital gar nicht weiß, wohin er es stecken soll. So geht es weiter: "Ein Mädchen arbeitete in unserer Garderobe, sie hat versucht, meine verschwitzten Haare zu trocknen, während ich auf dem Stuhl zappelte wie ein Idiot. Da nahm sie den Föhn und schlug ihn mir über den Hinterkopf." Ob das zum Mindestlohn führt, weiß man nicht, aber hier steht es sinnbildlich für viel mehr: den Aufstand, die Revolte, den Umsturz. Doch die Pointe der Geschichte erspart uns der dialektisch geschulte Bono natürlich nicht. Auf die Frage von The Edge, ob das geholfen hätte, antwortet der U2-Sänger: "Sie tat, als wäre nichts passiert, und föhnte einfach weiter." Genau das ist das Problem.

Gestern war unser Lieblingsspartensender PHOENIX live in Athen bei der Vertrauensfrage mit dabei und kommentierte kurz vor Mitternacht gewohnt kompetent das Geschehen. Leider bin ich bei der namentlichen Abstimmung irgendwann zwischen N und O eingeschlafen mit einer leeren Dose Erdnüsse auf dem Schoß und habe erst beim Frühstück vom neuerlichen Coup von Papa erfahren.

Phoenix goes Europe. Wurde auch Zeit. Die endlosen Bundestagsübertragung, die nach der Mittagspause nur noch mit zwanzig aufrechten Parlamentariern und noch weniger Zuschauern vor den Geräten stattfanden, könnten damit ein Ende haben! Was für Möglichkeiten: In Italien gibt's wöchentlich die flightofthephoenixVertrauensfrage, die Fischfangquotendebatte aus dem Baltikum könnte man als Konferenz senden, live mit einer guten Whiskyflasche neben dem Armsessel beim Weg der Schotten in die Unabhängigkeit bzw. in die Euro-Zone dabeisein und ab und an eine handfeste Prügelei aus der Ukraine. Bei 87 EU-Mitgliedsländern, 125 Beitrittskandidaten und den insgesamt 14.501 Regionen von den Abruzzen über die Karawanken bis hin zum Saarland, die sich mit einer Landesvertretung in Brüssel repräsentieren und einmischen, käme mit schlauen Schalten keine Sekunde lang Langeweile auf. Phoenix, just do it!

Bereits im Wintersemester 1997/98 diskutierten wir in einem Europa-Seminar die Frage, warum es eigentlich keine relevanten europäischen Medien gibt. Keinen eigenen europäischen Fernsehsender, keine europäische Zeitung, eine Radiosendung, Internetseite ... Nichts gibt es da. Gerade noch Deutschland-Frankreich im Kleinen: arte, der "taz" liegt monatlich die lesenwerte Ausgabe der "Le Monde Diplomatique" bei, Oskar Lafontaines Radiosendungen auf SR 04 ... Aber darüber hinaus? Wursteln alle vor sich hin. Die Bayern, die Schotten, die Wallonen und die Südtiroler. Europäischer Flickerlteppich.

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