Flugzeugunglücke im Fernsehen

von Mario Alexander Weber 30. August 2010
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History from below heißt das neue, zweite Album der in diesem Logbuch bereits an anderer Stelle erwähnten Delta Spirit. Delta Spirit sind zu viert und kommen aus San Diego. Sie spielen eine betörende, gospelige Indie-Folkrock-Variante. Die Band hat mit Matthew Vasquez einen herausragenden Sänger. Vasquez erinnert an Gordon Gano von den Violent Femmes, den frühen Dylan, an Matt Maust/Cold War Kids (mit denen die Band vor Jahren auch auf Tour war) und in bestimmten Momenten an den großen Fine Young Cannibal Roland Gift.

Auf diesem zweitem Album erweist sich Vasquez jedoch als absolut Eigenständiger. Ein Gänsehautmoment, wie er am Ende von Bushwick Blues die Stimme erhebt: Because my love is strong and my heart is weak – after all. Große Klasse, wie er den Ransom man intoniert. Und im tollen Salt in the wound zieht er alle RegideltaspiritWASSERster seines Könnens. Vasquez hat die Körnung, die Färbung, das Besondere. Aber Delta Spirit macht nicht nur der Sänger aus: tolle Songs und klasse Sound plus Lyrics mit Tiefenschärfe.

Der letzte Song auf der Platte hat es in sich. Nach zehn Songs folgt zum Abschluss das Epos Ballad of Vitaly. Eine Story über Schuld und Sühne.

In the german sky there once was a plane that carried seventy one children and their mothers to Spain.

In diesem Song geht es um nicht Geringeres als das Flugzeugunglück von Überlingen, um den Zusammenstoß eines Frachtflugzeuges mit dem Bashkirian-Airlines-Flug 2937 im Juli 2002. Als ein überforderter Schweizer Fluglotse eine mögliche Kollision übersah. Die dann passierte. Peter Nielsen (im Song Pete genannt) hieß der zuständige Fluglotse. Peter Nielsen wurde 2004 von Vitaly Kalojew, dessen Frau und zwei Kinder bei dem Unglück ums Leben gekommen waren, erstochen. Ein Drama im Drama. Ein bedrückender Fernsehfilm beschäftigte sich 2009 mit der Kollision und den Nachwirkungen. Kalojew wurde in der Schweiz verurteilt, frühzeitig entlassen und als er in seine Heimat Nordossetien zurückkehrte, als Held gefeiert. They called him a hero.

Jetzt hat Delta Spirit sich dieses Themas angenommen, in einer Art dokumentarischer Talking-Blues-Variante des 21. Jahrhunderts. Mit Moral von der Geschichte und auf über acht Minuten ausgedehnt.

There’s no glamour in vengeance there’s only this rule that the lives that you’ve lost can never come back and the deed in return is worse than the act.

Ernsthaft, nachdrücklich im Sound. Ambitioniert nennt man so etwas im Soziospeak der Kulturkritiker wohl.

(Nebenbemerkung:  Zuerst habe ich mich gewundert, wie eine kalifornische Band auf dieses Thema kommt. Sie gucken doch nicht etwas unser Öffentlich-Rechtliches? Kurzes Googeln ergab, dass sich die Dokuserie Mayday – eine Reihe, die sich ausschließlich mit Flugzeugunglücken befasst und hiesigen Schlaflosen vielleicht von N24 vertraut sein könnte – in der Folge Deadly crossroads mit Überlingen beschäftigte. Vielleicht hat jemand von Delta Spirit diese Folge gesehen … Reine Spekulation meinerseits, wohlgemerkt)

Ich weiß nicht, je öfter ich die Ballade höre, desto weniger kann ich sie einordnen. Ist das jetzt ein guter Song? Vielleicht liegt es daran, dass die zehn Songs zuvor nicht unbedingt auf diesen Großsong hinweisen, er so für sich allein und unvermittelt stehen bleibt? Vielleicht würde ich den Song anders hören, wüsste ich nichts von seinem realen Hintergrund? Auf jeden Fall ein Song, der irritiert, ein Song, der einen fordert, ein Song, der etwas wagt.

Unbedingt hören.

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