In einem Freiburger Programmkino sah ich zufällig den Film “Lenin kam nur bis Lüdenscheid” nach dem Bestseller v
on RD Precht über seine 68er-Kindheit in der Provinz. Höhepunkt des doch recht blassen Films waren die Songs von Franz-Josef Degenhardt, der im Gegensatz zu Lenin sogar bis nach Solingen kam und dort ein Konzert gab. DKP, Schmuddelkinder, Liedermacher – ein Dreiklang, der mich bis dato nicht besonders reizte. Das sollte sich ändern.
Wenig später hatte ich einen Stapel LPs von „Väterchen Franz“ zu Hause, hörte und staunte. „Er singt seine Lieder oft im raunenden Mollton, dann wieder mit irreführender Sonnigkeit“, schreibt Werner Burkhardt in den liner notes zur 1
965er-LP „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern – Chansons von und mit Franz-Josef Degenhardt“, einem westdeutschen Klassiker und einer der zehn, fünfzehn deutschsprachigen Platten, die man wirklich haben und kennen muss.
Was für eine Platte ist das! Gewürdigt in den letzten Jahren durch tolle Coverversionen von Element of Crime (Auf der Espresso-Maschine), Erdmöbel (Kein schönes Lied) und dem Bierbeben (Hochzeit). Jetzt kommt ein Degenhardt-Revival, eine Würdigung, eine Rückbesinnung in größerem Ausmaß, dachte ich mir. Doch zumindest bei ebay konnte ich keine große Nachfrage feststellen. Platten ungehört für einen Euro. Degenhardt in der Ramschkiste auch im Second-Hand-Laden um die Ecke.
Degenhardt hören ist bis heute kein angenehmes Hören. Keine Wellness, keine Streicheleinheit, keine innere Hausse. Ein Nicht-Sänger mit einer penetranten Wichtigkeit in der Stimme, die einem zum Zuhören zwingt. Kopfzerbrechen über seinen Deutsch-Surrealismus. Die Gitarre eher zweckmäßig, die frühen LP-Cover in Reminiszenz an George Grosz unangenehm gestaltet von Horst Janssen, als hätten wir wieder 1927.
Unfassbar bis heute Degenhardts Sprechgesang in „Vatis Argumente (Ärmel aufkrempeln – zupacken – aufbauen)“, einem minimalistisch groovendem Rudi-Dutschke-Monster-Song. Die Einladung in „Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen“ steht noch immer im Raum. Die Verschrobenheit in „Landleute nageln tote Eulen oft an ihre Scheunen“.
Degenhardt hat über 30 Platten veröffentlicht, die ich alle noch hören will, er hat Romane geschrieben, die ich alle noch lesen will. Diesen Montag, am 14. November 2011, ist Franz-Josef Degenhardt im Alter von 79 Jahren verstorben.































