Konserven und Gefrorenes

von Mario Alexander Weber 24. April 2011
Artikel bewerten
(2 Stimmen)

Bei Hanser erschien dieses Frühjahr der Roman „Der letzte Sommer auf Long Island“ von Colson Whitehead. letzersommerauflongDas Buch spielt Mitte der Achtziger im Küstenstädtchen Sag Harbour, einer Ferienenklave der oberen schwarzen Mittelschicht New Yorks. Der fünfzehnjährige Benji verbringt zusammen mit seinem jüngeren Bruder Reggie die Sommerferien zum ersten Mal allein. Nur an den Wochenenden – wenn überhaupt – sehen die arbeitenden Eltern vorbei. Auf sich gestellt erlebt Benji prägende Sommerferien. Der erste Job in einer Eisdiele, Mädchen, die Clique, ein Hip-Hop-Konzert, Sonne und Strand. Coming of age. Ein gutes, lesenswertes Buch. Doch was unterm Strich wirklich erstaunt, ist die andauernde hegemoniale Kraft der US-Popkultur, die auch vor einem renommierten literarischen Großverlag wie Hanser nicht Halt macht.

„Der letzte Sommer auf Long Island“ ist ein us-amerikanisches Buch, das zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Milieu in einer bestimmten Generation spielt und sehr fest in der US-Popkultur verankert ist. Songs, Bands, Filme, Klamotten, TV-Sendungen, Radiosender, Comics, Videogames. Alles da zuhauf. Doch weil spätestens seit dem Hamburger-Dialog aus Quentin Tarantinos „Pulp fiction“ auch die Beschäftigung mit Fast Food zur Popkultur gehört, überrascht es nicht, dass Whitehead seinen Ich-Erzähler Benji auch zweieinhalb Seiten lang über Fertigprodukte und Tiefkühlkost meditieren lässt. „Was Essen anging, waren Reggie und ich uns nicht in vielem einig, aber wir hatten beide eine Vorliebe für Campbell’s-Homestyle-Hühnersuppe  mit Eiernudeln.“ Ein paar Zeilen weiter folgt die Lobpreisung: „Heil der Firma Stouffer! Reiner Adel, die leuchtendorangefarbene Verpackung ein Leitstern in den Tiefkühlabteilungen im gesamten Stadtbereich von NY.“ Benji schwärmt auch für „Howard Johnson’s Tendersweet Fried Clams“ und howardjohnsonsfür das „seltene und hochgeschätzte Weight Watchers Chicken Cutlet & Vegetable Medley“. Suppe ist für ihn die „Brühe des Lebens“, vor allem Campbell’s Chunky-Produktlinie ist „unerreicht“ in ihrer „Raffinesse“. Negativ beurteil Benji die „Hormel Chili mit Bohnen“ in der Dose und die „legendäre, von Eiszapfen starrende Packung Makkaroni & Hackfleisch mit Tomaten“, über die es heißt: „Wenn einem keine andere Wahl blieb, hatte man auch verdient, es essen zu müssen. Wir beteten darum, nie in diese Verlegenheit zu kommen.“

Natürlich zählt Whitehead all diese Dinge nicht nur zum Spaß oder ihrer selbst willen auf. Klar kann man mit dem Konsum- und Kaufverhalten Personen, Generationen, Schichten charakterisieren. Hierzulande hat das beispielsweise Peter Henning in seinem Gesellschafts- und Familienroman „Die Ängstlichen“, der in Hanau spielt, vor zwei Jahren demonstriert. Dort werden an der Theke „drei, vier Gläser Remy Martin“ getrunken, im Lidl werden „zwei Tafeln Milka-Vollmilch-Schokolade“ und „Wasa-Knäckebrot (mit Sesam)“ in den Einkaufswagen gelegt, eine „Packung ‚Fromms‘“ wird aus dem Regal gezogen, der Salat mit Essig von Kühne angemacht, eine „Flasche Prosecco di Conegliano der Marke Maschio“ aus dem Eisschrank genommen. peter_henningDie permanente Nennung von Produktnamen bei Peter Henning erzeugt beim Leser ein unangenehmes Gefühl des Dazugehörens. Außerdem läuft es auf ein „Sag mir, was du konsumierst – und ich sage dir, wer du bist“ hinaus. Das ist auch bei Whitehead intendiert, setzt jedoch voraus, dass der Leser die Produkte und Bands und Songs und TV-Sendungen in ihrer großen Mehrheit kennt. Bei Whitehead wird dies selbst dem USA-interessierten Leser in allen Verästelungen kaum gelingen. Diese Identifikation mit Produkten, Songs, Band ist aber gerade für einen Heranwachsenden von essentieller Bedeutung, was für den hiesigen Leser bedeutet, das viel Subtext nicht verstanden werden wird. Gut, das gilt doch für beinahe jeden Roman aus einem anderen Land, mag man jetzt einwerfen. Das ist richtig, gilt jedoch weniger für US-Romane, wie es scheint. Hier scheint dies keine Rolle zu spielen oder es wird einfach vorausgesetzt, dass der Leser informiert ist.

Informiert beispielsweise über eine zwar mit Kultstatus versehene, dennoch (oder darum) trotzdem relativ unbekannte Post-Punk-Band der frühen 1980er-Jahre wie „Mission of Burma“, die nicht nur in Whiteheads Buch auftauchen, sondern auch von einem Protagonisten in Jonathan Franzens Erfolgsroman „Die Korrekturen“ sehr laut gehört werden. (Nochmals sei drauf hingewiesen: Whiteheads Buch erscheint nicht bei einem kleinen Indie-Verlag, sondern beim großen Publikumsverlag Hanser aus München). Steigert dieses Namedropping eigentlich die CD-Verkäufe der Band hierzulande? Oder wird das einfach überlesen? Spielt das überhaupt eine Rolle? Während in vielen Büchern aus Portugal, aus Spanien, aus dem skandinavischen Raum sich öfter ein erklärendes Nachwort oder gar ein Anhang mit Erläuterung findet, ist das bei zeitgenössischen US-Romanen so gut wie nie der Fall. Von daher kann man behaupten, dass „Mission of Burma“ zum deutschen Allgemeingut gehören. Und Dosen von Campbell kennt eh jeder, der Andy Warhol kennt. Und wer kennt denn den nicht?  

(Unten das Cover der EP "Signals, Calls, and Marches" von Mission of Buma aus dem Jahr 1981)

missionofburma

Funkspruch abgeben