In Bezug auf Rezensionen zeitgenössischer Romane hat eine Literaturkritikerin vor einiger Zeit laut aufgestöhnt. Sie könne die Phrase von „gut gemacht“ nicht mehr hören. Gut gemacht seien sie (die Romane) doch alle. Das sei doch quasi die Grundvoraussetzung, um überhaupt erscheinen zu dürfen. Aber wollen wir nicht mehr? Ja, wir wollen mehr.
Es trifft seit einigen Jahren leider auf die meisten Popmusikveröffentlichungen zu, dass „gut gemacht“ nicht „gut“ bedeutet. Das könnte man verschmerzen, würde es nicht auch auf eine aktuelle Veröffentlichung zutreffen, die viel erwarten ließ. Die Rede ist von „Nightingale“, der neuen LP der Brit-Folk-Kombo „Erland & The Carnival“. Ihr erstes, selbstbenanntes Album war
eine der Entdeckungen im vergangenen Jahr, eine Platte, die Sixties-Folk, Psychedelia und große Popsongmelodien ins 21. Jahrhundert hinüberholte. Das neue Album hingegen bietet 13 Songs, die auch beim x-ten Mal hören durchrauschen, ohne dass was hängen bliebe. Banale Lyrics, die Musik anbiedernd eingängig und ohne Tiefe, verschämt schielend auf Hitpotential – und unentwegt orgelt die Orgel. Nicht, dass E & TC nichts versuchen würden: da wird der Uraltgospel „Nobody knows the trouble I’ve seen“ in einen Song integriert, ein Soundtrack-Motiv aus Hitchcocks „Vertigo“ ummantelt einen Track, Balladeskes wird intoniert und bereits im Opener „So tired in the morning“ haut man mit der Sentenz „The saddest thing in life is to love and not be loved“ eine Variante eines der ganz großen Popzitate raus. Es hilft alles nicht, in keiner Sekunde reicht ein Song an die Großartigkeit des Debüts heran. Übrig bleibt ein Jugendzimmercover, das weder für die Nachtigall noch für den (misslungenen) britischen Popfolk des 21. Jahrhunderts steht, sondern nur für ein „Lasst mich bitte weiterschlafen“.
Da stimmt man doch ausnahmsweise einmal Jan Wigger zu, dem Mann von S.P.O.N., der die Musik abhört. In einem gänzlich anderen Kontext schreibt er aktuell über die nicht enden wollende Flut an Neue
rscheinungen: „Mein Vorschlag ist dann immer, die Veröffentlichung von Schallplatten weltweit für ein Jahr zu stoppen. Zwar kein sehr kunstsinniger Ansatz, aber eine gute Möglichkeit, endlich alle Alben des vergangenen Jahres (und der Jahre 1969, 1971 und 1975) ausführlich zu hören und wiederum festzustellen, dass es auch dann noch genug Musik für tausend Leben gäbe, wenn nie mehr eine neue Platte erscheinen dürfte.“ Da hat er absolut recht (wobei seine durchgehenden Höchstnoten für Reissues der Siebziger einem auf die Nerven gehen, vor allem, wenn sie nicht mal vor Queen halt machen. Vieles ist gut, aber wenn einer zu viel gut findet, wird’s kritisch für den Kritiker).
(Links ein Ausschnitt von der Innenhülle der Murphey-LP "Swans against the sun")
Also, auf ins Jahr 1975! Dort findet man die LP mit dem unschlagbaren Titel „Swans against the sun“ von Michael Murphey. Murphey, Jahrgang ’65 und aus Dallas stammend, fällt eigentlich unter „Country“. Was man dieser Platte nicht unbedingt anhört. „Swans against the sun“ ist ein ziemlich kruder Mischmasch aus verschiedensten Richtungen. Der Titeltrack, den kein Geringer als John „Country roads“ Denver intoniert, ist ein unglaublicher Soft-Rock-Schmachtfetzen, auf den ein basslastiges, rockiges „Renegade“ folgt. Keine Sekunde kommt Langeweile auf, ein wunderbares Album.
Der Heiner-Geißler-Wanderpokal geht im März an Barney Kessels Album „Soaring“ aus dem Jahr 1976. Ein Album, wie man
aus gut unterrichteten Killesbergern Kreisen hört, das auch der alte Jazzer und Ministerpräsident Stefan „Gis-Dur“ Mappus gerne auflegt. Prima für ihn, ab morgen wird er ja dann mehr Zeit für seine Hobbys haben.
Dass über allen Gipfeln Ruh ist, stimmt ja schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr. Ein besonders bedrückendes Beispiel liefert hierfür eine Single von Rick Wakeman aus dem schönen Jahr 1979. Da fliegt der ehemalige Sänger der Band „Yes“ im Adidas-Anzug durch die Alpen, die Frisur sitzt, freundliches Lächeln.

Aber mal ehrlich, möchen Sie diesem Mann auf dem Matterhorn begegnen? Nur am Rande sei bemerkt, dass sich auf dieser Single auch der Track „Yes we have no bananas“ befindet. Was das mit dem Cover zu tun hat? Nichts natürlich. Wir wünschen Ihnen allen guten Besserung.































