„The Low Anthem“ ist eine 3-Mann-1-Frau-Kapelle, die mit vielen Mitteln aus der Vergangenheit eine zeitgenössische, stellenweise betörende US-Folkvariante spielt. Die Band kommt aus
Providence, der Kapitale des neuenglischen Rhode Island, und greift gerne auf unübliches Instrumentarium zurück – wie die Maultrommel (siehe und höre das tolle David-Letterman-Video unten), Klarinette oder die Singende Säge.
Ihr neues Album heißt „Smart flesh“ und ist uns in erster Linie wegen des schönen Flugzeugcovers (Segelflieger, rar!) aufgefallen. Auf der Rückseite des LP-Covers findet sich der Hinweis, dass das (Original-)Photo aus der „Library of Congress, FSA/OWI Collection“ stammt, vermutlich handelt es sich um dieses. Das finde ich sehr interessant, dass die Band – vermutlich – auf eine historische, archivierte Schwarz-Weiß-Aufnahme vom Mai 1942 zurückgreift, den Segelflieger dann vergrößert, pixelt … Das ist ihre Variante aus Altem Zeitgenössisches zu machen, hier so subtil, das es gar nicht auffällt, wenn man nicht ein wenig nachhakt.
Zurück zur Musik. Von den insgesamt elf Song interessiert mich besonders, Überraschung, „Boeing 737“. Und dieser Song hat es nicht nur musikalisch in sich. Der Sänger sitzt in einer Bar „on the 84th floor“ und gibt Philippe Petit einen aus. Philippe Petit? Das ist der fantastische Hochseilartist, der Seiltänzer aus Frankreich, der im August 1974 in einer unglaublichen Aktion
zwischen den beiden Twin Towers in Manhattan in über 400 Meter Höhe auf einem Drahtseil tanzte. Über 45 Minuten. Natürlich unerlaubt. (Die tolle Doku „Man on wire“ erzählt die ganze Story) „I put one foot on the wire“, lässt der Low-Anthem-Sänger Petit sagen, „one foot straight into heaven.“ Dazu braust und bläst die Musik, als ob wir uns in der Tat über allen anderen Wolkenkratzern New Yorks befinden würden. Doch dann wird die Bar von den Propheten in einer Boeing 737 geentert.
So ganz eindeutig, wie das in meiner kurzen Zusammenfassung jetzt klingt, ist der Song aber nicht. Es kommen noch ein kleiner Vogel, eine „Gatling gun“ und die Barfrau ins Spiel. Doch klar ist, dass es hier (auch) um den 11. September geht, der dieses Jahr zehn Jahr zurück liegen wird (Am Rande bemerkt: Es flogen zwei Boeing 767 in die Tower, keine Boeing 737). Es geht um die Twin Towers, zwischen denen ein Nachfolger Philippe Petits nicht mehr tanzen kann. In diesem Kontext ergibt auch das Archivphoto eines Segelfliegers (aus dem Jahr 1942, nach Pearl Harbor, nach dem Kriegseintritt der USA in den WK II) einen tieferen Sinn. Der Segelflieger ist der zivile, unkriegerische Flieger, das Sinnbild für das Fliegen um des Fliegens willen, vielleicht, im Sinne Philippe Petits und von „The Low Anthem“, auch ein Sinnbild für die künstlerische, freiheitliche Performance. Hm, gehe jetzt mit George Willig noch einen heben.































