
Afrika ist in, zumindest was die Musik aus den späten Sechzigern und Siebzigern anbelangt. Kaum ein Tag vergeht, ohne das nicht irgendein Label eine Compilation mit raren Grooves vom schwarzen Kontinent auf den Markt wirft. In diesem Fall das New Yorker Analog Afrika Label. Auf CD und LP erhältlich, mit 44-seitigem Booklet: Afro-Beat Airways: West African shock waves Ghana & Togo 1972-1978. Mit Flugzeugchen drauf.
Vom historisch-funkelnden Afro-Beat zum zeitgenössischen US-Hip-Hop, über dessen Speerspitze Karl Bruckmaier neulich auf le-musterkoffer urteilte, dass „selbst HipHop-Avantgarde […] heute irgendwie reaktionär“ müffeln würde.
Uns geht’s hier allerdings nur um die Flugzeuge vorne drauf. Curren$y, ein Rapper aus New Orleans (für alle Gymnasiasten: hierbei handelt es sich um ein Oxymoron), wartet mit einem klasse Titel auf: Pilot talk. 
Mike Posner begeistert mit einem raren Am-Fenster-Cover und einem passenden Titel der von Flugangst Geplagten: 31 minutes to takeoff.
Schön, wenn es beim HipHop mal wieder auf jede Minute ankommt.
Zuletzt noch das vermeintliche Kreativ-Cover der Combo Widespread Panic, die hier u. a. den Maler Andrew Wyeth zitiert.
Mir fällt auf: Wenn man das Muster der Insektenflügel mit dem Hintergrund der Afro-Beat-CD tauschen würde, fiele es nicht groß auf. Irgendwie hängt halt mal wieder alles mit allem zusammen.


Nachgeliefert die Rückseite der 1986er-Single Rope der komplett vergessenen Indie-Combo its immaterial. Tolle Platte, tolle Band übrigens. Zu Unrecht vergessen. Die Frage, was der da schwebt, kann zumindest so beantwortet werden: Filmkulisse. Sie schweben durch eine Filmkulisse. Die A- und die B-Seiten-Darsteller.
Wir bleiben im TV mit einem weiteren Fundstück, einer 1970er-Bubblegum-LP der Fernsehband The Bugaloos:

Irdischer kommt der Bombay Bicycle Club rüber, dessen letztjährige CD den schönen Titel I had the Blues but I shook them loose trägt:

Bevor jetzt der Satz vom Runter-Kommen-Sie-Immer fällt, noch ein letzter Exkurs in die Wolken, zu einer klassischen Franzpopsingle:

Fortsetzung folgt.

(Oben das aufgeklappte Cover der Best-of-Doppel-LP Endless summer der Beach Boys)
Ich will immer so gern berauscht sein
Und werde doch immer nur breit
Und kaum da ich einmal nüchtern bin
Ist der Sommer schon wieder vorbei
(Aus dem Song Über Nacht von Element of Crime)
Kaum etwas ist wichtiger als das Wetter von morgen. In diesen Zeiten der Extreme, mit Niederschlag, der nicht mehr in Millimeter/Jahr (wie man es im Erdkundeunterricht gelernt hatte), sondern in der TV-adäquaten Mengenangabe Liter/Quadratmeter als Starkregen angegeben wird, NRW-Tornados, vierstelligen Minusgraden am Funtensee, einem Wetterfrosch als Ex-Knacki, einem Fernsehmetereologen, der ernsthaft Wettervogel heißt, Heizperioden Ende August und Latte Macciato an Weihnachten, hilft nur ein Flug in die noch verlässlichen Klimazonen der Erde, also zum Hindukusch, zum Gonzales-Archipel, an die Hänge des Gasherbrum II, ins n24-Fernsehstudio, an die Westsee im Oktober.
Summertime – Top 10
- Janis Joplin mit Big Brother & The Holding Company
- Miles Davis
- Nina Simone auf der 1959er-Live-LP Nina Simone at Town Hall
- Gabor Szabo mit dem letzten Stück auf Jazz Raga (1967)
- Louis Armstrong
- Manfred Krug in den Sixties noch im Osten
- Raahsan Roland Kirk
- Lonnie Johnson
- The Zombies
- Der Wiener Molden (als Summazeit)
History from below heißt das neue, zweite Album der in diesem Logbuch bereits an anderer Stelle erwähnten Delta Spirit.Delta Spirit sind zu viert und kommen aus San Diego. Sie spielen eine betörende, gospelige Indie-Folkrock-Variante. Die Band hat mit Matthew Vasquez einen herausragenden Sänger. Vasquez erinnert an Gordon Gano von den Violent Femmes, den frühen Dylan, an Matt Maust/Cold War Kids (mit denen die Band vor Jahren auch auf Tour war) und in bestimmten Momenten an den großen Fine YoungCannibal Roland Gift.
Auf diesem zweitem Album erweist sich Vasquez jedoch als absolut Eigenständiger. Ein Gänsehautmoment, wie er am Ende von Bushwick Blues die Stimme erhebt: Because my love is strong and my heart is weak – after all. Große Klasse, wie er den Ransom man intoniert. Und im tollen Salt in the wound zieht er alle Regi
ster seines Könnens. Vasquez hat die Körnung, die Färbung, das Besondere. Aber Delta Spirit macht nicht nur der Sänger aus: tolle Songs und klasse Sound plus Lyrics mit Tiefenschärfe.
Der letzte Song auf der Platte hat es in sich. Nach zehn Songs folgt zum Abschluss das Epos Ballad of Vitaly. Eine Story über Schuld und Sühne.
In the german sky there once was a plane that carried seventy one children and their mothers to Spain.
In diesem Song geht es um nicht Geringeres als das Flugzeugunglück von Überlingen, um den Zusammenstoß eines Frachtflugzeuges mit dem Bashkirian-Airlines-Flug 2937 im Juli 2002. Als ein überforderter Schweizer Fluglotse eine mögliche Kollision übersah. Die dann passierte. Peter Nielsen (im Song Pete genannt) hieß der zuständige Fluglotse. Peter Nielsen wurde 2004 von Vitaly Kalojew, dessen Frau und zwei Kinder bei dem Unglück ums Leben gekommen waren, erstochen. Ein Drama im Drama. Ein bedrückender Fernsehfilm beschäftigte sich 2009 mit der Kollision und den Nachwirkungen. Kalojew wurde in der Schweiz verurteilt, frühzeitig entlassen und als er in seine Heimat Nordossetien zurückkehrte, als Held gefeiert. They called him a hero.
Jetzt hat Delta Spirit sich dieses Themas angenommen, in einer Art dokumentarischer Talking-Blues-Variante des 21. Jahrhunderts. Mit Moral von der Geschichte und auf über acht Minuten ausgedehnt.
There’s no glamour in vengeance there’s only this rule that the lives that you’ve lost can never come back and the deed in return is worse than the act.
Ernsthaft, nachdrücklich im Sound. Ambitioniert nennt man so etwas im Soziospeak der Kulturkritiker wohl.
(Nebenbemerkung: Zuerst habe ich mich gewundert, wie eine kalifornische Band auf dieses Thema kommt. Sie gucken doch nicht etwas unser Öffentlich-Rechtliches? Kurzes Googeln ergab, dass sich die Dokuserie Mayday – eine Reihe, die sich ausschließlich mit Flugzeugunglücken befasst und hiesigen Schlaflosen vielleicht von N24 vertraut sein könnte – in der Folge Deadly crossroads mit Überlingen beschäftigte. Vielleicht hat jemand von Delta Spirit diese Folge gesehen … Reine Spekulation meinerseits, wohlgemerkt)
Ich weiß nicht, je öfter ich die Ballade höre, desto weniger kann ich sie einordnen. Ist das jetzt ein guter Song? Vielleicht liegt es daran, dass die zehn Songs zuvor nicht unbedingt auf diesen Großsong hinweisen, er so für sich allein und unvermittelt stehen bleibt? Vielleicht würde ich den Song anders hören, wüsste ich nichts von seinem realen Hintergrund? Auf jeden Fall ein Song, der irritiert, ein Song, der einen fordert, ein Song, der etwas wagt.
Unbedingt hören.

